Als ich nach meiner letzten Moskaureise in diesem Sommer endlich wieder in meiner Erlanger Wohnung stand, atmete ich erleichtert auf. Endlich zuhause. Oh, mein geiles bequemes Doppelbett! Oh, mein Sofa! Wie schön. Mein fließendes warmes Wasser im Bad. Mein Fön und meine flauschigen Handtücher. Und meine tolle, wohlriechende, vor Sauberkeit glänzende Kloschüssel… Mein herrlicher Badevorhang. Diese weißen Wände. Wie ich euch vermisst habe! All die Kleinigkeiten, ohne die man einfach auszukommen glaubt und die dann einem doch so fehlen, wenn die plötzlich nicht da sind. Vor Freude gleich Wasser aus der Wasserleitung saufen, ohne Angst um Magenverstimmungen, wie herrlich.
Und jetzt kommt’s aber: Schau an, schau an, schau an. Wie groß soll wohl der Leidensdruck eines Menschen sein, dass er freiwillig ins nasskalte Moskau flüchtet, nur um nicht in Deutschland Weihnachten “feiern” zu müssen. Jeder mehr oder minder klar denkender Mensch würde dabei nur den Kopf schütteln. Wie kannst du nur, Mädel. Ist doch nicht dein Ernst: Du wirst Dein warmes Bett, dein Sofa, dein Sportstudio und deine Sauna gegen ein zerdeppertes bettähnliches Etwas in einem Abstellzimmer mit den von den Wänden herunterhängenden Tapeten und Spinnenweben eintauschen? Ab jetzt dann Wasser in 5-Literkanistern vom Lebensmittelladen deines Nicht-Vertrauens zu Fuß heim schleppen? Schnatternd auf dem Bahngleis auf den Zug warten, der nie kommen wird? Sich in der U-Bahn von Menschenmassen erdrücken lassen und unterwegs dann in irgendwelche Läden reingehen, um sich zu wärmen? Freiwillig? Geht’s noch?
Oh, ja, Leute. Ich gestehe mir eine gesunde Portion Masochismus und Selbstkasteiung durchaus zu. Ich werde es sicherlich bereuen, aber die Vorstellung, am Heiligabend alleine in meinen weiß gestrichenen vier Wänden zu hocken und den nervigen Kirchenglocken zuzuhören ist einfach zu grausam für mich. Während Ihr alle mit eurer Sippschaft unter dem Weihnachtsbaum hockt, Eure Bäuche mit Plätzchen voll haut und Eure auf den letzten Drücker gekauften Geschenke auspackt, wird mir hier in dieser tollen Bude die Decke auf den Kopf fallen. Mit aller Wucht. Mich zerdrücken und zum Schreien bringen. Weil das Sportstudio zu hat, weil ich diese Bildbearbeitung, die ich sonst machen würde, nicht mehr sehen kann, weil die Menschen, die ich genau hier und jetzt gerne bei mir hätte, lieber bei ihren Familien sind oder dort sein müssen. Oder dort sind und behaupten, dass es auch gut so ist. Weil die Erwartungshaltung an das “Weihnachten” doch so hoch ist. Weil es keinen Platz für mich dort gibt, in euren Familien. Weil es für viele die schlimmste Zeit der Einsamkeit auf Erden ist. Weil man es sich anders wünscht und es nicht haben kann. Und das tue ich mir dieses Jahr nicht mehr an. Was nervt, wird abgeschafft. AUS.
Ich flüchte. Am Heiligabend werde ich dann hoffentlich in Moskau gelandet sein und ganz andere Probleme haben: Wie komme ich jetzt nach Hause? Klappt es mit der Schlüsselübergabe? Wer bringt mich hin? Werden die Taxifahrer mir den letzten Cent aus der Tasche ziehen? Werde ich den Bus nehmen, und wenn ja, welchen? Wie lange werde ich unterwegs sein? Wird es sehr kalt sein oder schwimmen wir alle auf? Kriege ich dann nasse Füße oder werde ich meinen Koffer durch die Schneeberge hinter mir ziehen?
Was gibt es am Abend zu essen? Wo kriege ich das Futter her? Wie werden wohl die Nachbarn schauen, wenn ich wieder mal auftauche? Wird der Nachbar besoffen sein zur Feier des Freitagabends und scheucht er dann seine Familie durch die Wohnung? Sind die Fenster noch dicht oder werde ich die erst mal abdichten müssen? Wird es warmes Wasser geben? Ist das große Abstellzimmer überhaupt bewohnbar? Wie komme ich mit meiner Mitbewohnerin klar? Fragen über Fragen. Ich lasse mich überraschen. Noch zwei Tage, dann geht das Abenteuer los. Und da ich dieses Mal wirklich keine Behördengänge, keine lästigen Telefonate führen werde, stelle ich mich auf 1,5 schöne Wochen ein. Mit viel Spazierengehen, Fotografieren, Fressen und hoffentlich nicht gefressen werden. Jawohl. Weil ich es kann. Weihnachten, fuck you!